Wie bereits neulich angedeutet: Es ist nicht so sehr die Demenz der Omma, die uns allen das Leben schwer macht.
Nun gut, sie isst nicht mehr von allein, sondern nur noch wenn man sie dazu auffordert und sich dann auch neben sie setzt, auch klappen langsam viele andere alltägliche Verrichtungen nicht mehr, aber es ist das Verhalten all derer Institutionen, die in ihr Leben involviert sind, die den Großteil unserer Nerven kosten.
Auch wenn es allgemein zu beobachten ist, dass viele Menschen ihre Arbeit nicht mehr so recht ernst nehmen, schlampig und fahrig ihren Dienst verrichten und Fehler billigend und achselzuckend in Kauf nehmen, habe ich doch den Eindruck, dass im Umgang mit einem dementen, alten Menschen noch größere Lässigkeit an den Tag gelegt wird.
Neben diversen Querelen mit Bank, Betreuungsdienst und der Omma Spenden abschwatzenden großen Hilfsorganisationen, ist nun aktuell auch die Kostenübernahme für die dringend notwendige Zahnbehandlung der Omma abgelehnt worden.
Okay, das kann vorkommen, wenn der Kostenvoranschlag nicht plausibel erscheint oder was auch immer.
Dass die Ablehnung aber, entgegen der sonstigen zuverlässigen Praxis der Krankenversicherung, die Post (wenn es z.B. um Zuzahlungen geht) an mich, die aus Gründen Bevollmächtigte zu senden abweicht und die Ablehnung der Dementen selbst zusendet (die diese selbstverständlich irgendwo verbuddelt) könnten einen fast auf die Idee kommen lassen, dass hier ein gewisser Vorsatz nicht auszuschließen ist.
Dass bereits am Montag (update: also heute) die Zahnbehandlung beginnen soll und hierfür nicht nur die blutverdünnende Medikation der Omma abgesetzt, sondern auch das gesamte Essenmanagement beim Lieferer des fahrbahren Mittagstisches meinerseits umbestellt wurde und ich mir für den Nachmittag trotz wichtiger Dienstbesprechung frei genommen habe (was ja auch nur mäßig gut ankommt), macht die Sache nicht erfreulicher.
Zum Glück habe ich am Samstag einer Eingebung folgend in einen der Ommaschränke geschaut, die mittlerweile zwei Schreiben der Krankenkasse gefunden und sie, obwohl ich sie für alte Post hielt geöffnet. Schließlich habe ich ja mittlerweile nicht nur eine Vorsorgevollmacht (übrigens etwas, was man schon in jüngeren Jahren unbedingt machen sollte – man weiß nie, was einem passieren kann!), sondern auch einen Nachsendeantrag gestellt, es hätte sich somit nicht um aktuelle Post handeln dürfen.
So können (update: konnten) wir dann immerhin noch am Montag (update: also heute) früh klären, ob die Zahnbehandlung am Montag Nachmittag starten kann.
Zum Glück bekommt die Omma von alledem gar nichts mit, weil sie schon Sekunden, nachdem wir ihr gesagt haben, dass sie zum Zahnarzt muss, dieses schon wieder vergessen hat.
Sie fragt schließlich auch immer wieder ganz erstaunt, nachdem sie mit der Zunge ihre Zahnlücke ertastet hat, wo die denn plötzlich herkäme…
Update:
Die Zahnbehandlung konnte nach diversen Telefonaten zwischen Zahnarztpraxis, Krankenkasse und uns dann doch eingeleitet werden.
Heute sollten dafür der Omma erstmal drei Zähne gezogen werden.
Es sind leider nur zweieinhalb geworden, einer der drei steckt noch zum Teil im Kiefer.
Er konnte nicht entfernt werden, weil die Anästhesie aufgrund einer Entzündung vielleicht nicht vollständig saß, vor allem aber, weil Omma auf dem Zahnarztstuhl sich derart gewunden hat, dass sie allein schon, wenn sie von einem Instrument berührt wurde anfing zu schreien und zu zappeln. Vermutlich sind da alle traumatischen Zahnarzterlebnisse ihrer Kindheit hochgekommen (ihr wurden als Kleinkind mehrere Milchzähne ohne Betäubung gezogen – man machte das damals so bei Kindern).
Nun denn, so kann es nicht bleiben und wir müssen noch in dieser Woche mit ihr in die Zahnklinik.
Wie ich meinen Kollegen verklickern soll, dass ich schon wieder kurzfristig Urlaub nehmen muss, weiß ich auch noch nicht, wird mir heute nacht aber vielleicht einfallen. Zeit genug werde ich haben, denn schlafen werde ich wohl kaum.
14 Kommentare zu “Deppenhürden”
Och Mensch! Die arme Omma! Sie hat mein vollstes Verständnis, was Zahnarzttraumata angeht.
Vielleicht hilft gegenüber den Kollegen der dezente Hinweis, dass sie auch älter werdende Eltern haben und früher oder später in ähnliche Lagen kommen könn(t)en, um etwas Verständnis zu generieren? Ist ja im Grunde ein echter Notfall und nicht Urlaub rein um des Spaßes willen.
Ich wünsch Dir, dass Du trotzdem Ruhe findest und schlafen kannst. Ohne Schlaf wird alles noch schwerer!
Danke Liisa, für den Schlafwunsch! :)
Den kann ich gut gebrauchen, ich schlafe seit Tagen schon wegen der Hormonhämmer fast überhaupt nicht und habe mir jetzt auch noch eine fette Erkältung angelacht. Es kommt ja immer irgendwie alles zusammen.
Die Kollegen haben selbst ähnliche Fälle in den Familien, insofern schon Verständnis, aber da wir momentan extrem schlecht besetzt sind (durch Ruhestand und langwierige Erkrankungen auf die Hälfte geschrumpft), habe ich ein wenig Bauchschmerzen meinen Kollegen zumindest einen Teil meiner Arbeit aufzuhalsen.
Und die Omma, die tigert schon wieder durch ihre Butze und rückt Tische – was ich wirklich suboptimal finde, nach so einem langwierigen Zahngeprokel.
Den Käsekuchen, den ich ihr für morgen früh hingestellt hatte (ich habe mich selbst mit Käsekuchen über die Akutphase meiner Weisheitszahn-Op gerettet, Käsekuchen ist für mich sozusagen das Mittel der Wahl nach Zahn-Op ;) ) , hatte sie auch schon wieder gut versteckt…..ohne selbst noch zu wissen wo, ist ja klar.
Wir haben ihn dann gemeinsam gefunden. Er stand, eingepackt in Folie, dort wo er hingehört: Im Backofen.
(Frag nicht! Zum Glück haben wir die Herdsicherung neulich rausgenommen.)
Uff. Ich lese das durch den dicken Schleier der Verdrängung . Aber das kommt mir alles so „erlebt“ vor… – gerade das mit Ämtern, nachlässigen Menschen und versteckten Kuchen.
Ich wünsche euch allen Kraft.
Danke, lieber Spontiv!
Ich weiß, du kennst das alles nur zu genau.
Das ist so zermürbend. Gute Nerven und trotzdem viel Schlaf wünsche ich dir.
Als ob man nicht schon bei einem, im Grunde unmöglichen Idealfall, also bei einem reibungslosen Ablauf, nicht zu viel Belastung hätte, da bringen dann diese Sachen das Fass zum Überlaufen.
Möge der Kelch an unseren Nachkommen vorübergehen…
Da nun schon seit vielen Jahren elternlos, ist dieses riesige Engagement von Euch für mich kaum vorstellbar und verdient allen Respekt.
Die amtlichen Geschwister Inkompetenz und Ignoranz haben ihre Herrschaft ziemlich ausgebaut, mit kräftiger Unterstützung von Cousine Dummheit.
Habt Ihr denn wenigstens schon einen guten Ort für die nähere Zukunft gefunden?
In die Hormonmühle würde ich (wiederhole ich mich jetzt?) „Remifemin“ werfen(das ist die sibirische Rhabarberwurzel). Hilft erstaunlich.
Gute Besserung an allen Fronten.
ich schliesse mich carodame vollinhaltlich an – und ebenfalls gute besserung an allen fronten. ich kann ihnen die situation, in der sie stecken, leider sehr gut nachfühlen.
meiner tochter sag ich ja immer wieder: ein kübel schmierseife und eine steile stiege (ich hab‘ ja sowieso rücken); oder viel frische luft wenn es draussen kalt ist (ich schwitz‘ ja eh so leicht). natürlich wird sie das nicht tun. ich bete also um einen ziegelstein oder herzinfarkt im richtigen moment. die zeit wird weisen, ob meine gebete zum wohle aller erhört werden.
der einzige trost für die angehörigen ist wohl, dass die patienten selber kaum merken, was passiert. man darf sich auch nicht täuschen lassen: viele reaktionen wie schmerz, angst, aggression sind nicht auf die momentane situation bezogen, sondern werden einfach durch ein wort, eine lichtkonstellation, was auch immer hervorgerufen: nix als ein dejavu, wie eben die situation beim zahnarzt. nicht, dass dieses wissen den umgang mit der situation vereinfacht, aber es hilft zumindest dabei, keine schuldgefühle zu entwickeln. passieren kann sowas immer und jederzeit, und oft kann man einfach nicht herausfinden was der auslöser war, und somit lebt man in der ständigen angst vor neuauflagen.
die böse frau hat zu bestimmten spätnachmittagszeiten im sommer an manchen orten immer eine rotkarierte decke gesucht, an die sich niemand vom rest der familie erinnern konnte. wir haben nie herausfinden können, worum es da ging. aber die böse frau hat randaliert, geschimpft, leute beschuldigt (schlimmstenfalls auch völlig unbekannte passanten oder restaurantbesucher), geschrien, um sich geschlagen. hat immer so 15 minuten lang gedauert. wenn das tageslicht dann weiter abnahm, war wieder ruhe und sie wusste von nix. das ging so ungefähr vier jahre lang, bis zu ihrem tod. #wirste_bekloppt.
Oh ja, mögen unsere Kinder von einer Demenz unsererseits verschont bleiben!
Wir tun nur, was getan werden muss. Es ist schon noch okay, die Omma lässt sich ja einigermaßen führen.
Auch wenn sie mich heute vor dem Zahnkliniktermin wieder schier fertig gemacht hat, mit ihrer „Aufgescheuchtes-Huhn-Nummer“. Ich weiß ja, sie kann gar nichts dafür. Sie war ihr Leben lang extrem nervös und in Sondersituationen auch schon als junge Frau aufgescheucht, unkonzentriert und von einer nicht zu stoppenden Logorrhoe befallen – die Demenz verschlimmert das nur. Man würde ihr heutzutage vermutlich die Diagnose ADHS überbraten.
Aber egal – die renitente Zahnwurzel ist draußen, wenn auch über einen Schnitt im Kiefer. Alles wurde wieder zugenäht und ich werde gleich nochmal losfahren und nach der Omma schauen.
Wie gesagt, wir können nur reagieren.
(Dafür hatte Nami heute dann wieder nach langer Zeit einmal das Vergnügen, im Rudel vom J. mitzulaufen. Schließlich konnten wir ja nicht gewährleisten, in einer für die Hundedame angemessenen Zeit auch wieder zu Hause zu sein. Hätte ja sonstwas passieren und wir den ganzen Tag in der Klinik festhängen können. Nami hat es wohl genossen, sagte jedenfalls der J. Wenigstens etwas :) )
Überstanden. Tapfer, sag ich da nur. Alle beide.
Ach der liebe J. Dieses Rudel kann man als Hund gut genießen.
Leider für uns doch zu weit für mal so zwischendurch.
Gute Woche Euch.
Stimmt schon alles. Wichtig ist ja dabe auch, dass man selbst nicht in den Strudel hieingerät. Gewiss, auch ich war bei Omma gerade an eine Grenze gekommen, die daher rührt, dass man eben nicht mehr weiß, was von dem Getue real und was eingeübt ist, was man noch verlangen kann und was eben nicht.
Der bürokratischen Kram sehe ich eher von der sportlichen Seite her. Da muss man sich für Zeit nehmen, aber die „gönne“ ich mir schon mal gerne.
Als Nichtkind, der Omma da, fällt mir eh einiges einfacher. Da lässte sich die Balance von Nähe und Distanz etwas besser koordinieren.
Aber der Montag mit dem Zahnrupf, der war schon etwas sehr anstrengend.
genau. die rollen drehen sich um und hoffentlich war die beziehung vorher gut, so dass nicht bei der gelegenheit alte unerledigte geschichten aufgearbeitet werden müssen. diese emotionale seite, die sich auftut, verbunden mit den hohen ansprüchen an sich selbst, pflichtgefühl, verantwortung übernehmen müssen, alles selbst machen müssen, die eltern nicht abschieben wollen…das ist oft das feld das man noch „nebenbei“ beackert, neben den normalen alltagsdingen mit papierkram, arbeit, kindern, sonstigem, mit denen man wahrscheinlich eh schon ziemlich ausgelastet ist.
das gehört dann plötzlich alles mit dazu. das wünscht man keinem und trotzdem muss man „durch“. Viel Kraft und gute Wünsche an Euch.
Ja, diese Rollenverwirrung ist anstrengend. Ganz frei vom Eingeübten ist man nie.
Umso wichtiger, frühzeitig die Beziehungen zu den Kinder adäquat wachsen zu lassen. Mit meiner Mutter habe ich da im Vergleich zu anderen Konstellation wirklich noch immenses Glück (mit meinem Vater hatte ich das auch, er war aber ohnehin nicht dement, als er starb).
Und dann wäre da noch dieser Protipp von meinem Tochterkind, den sie mir gestern per Whatsapp geschickt hat:
„Mama, du musst unbedingt entspannen! Wenn man Dauerstress hat, dann führt das zur Ausschüttung von Glukokorikoiden und dadurch wird die Feuerrate im Hippocampus gesenkt und dadurch schrumpft der Hippocampus und dadurch wird man dement.“
Wenig später, nachdem ich ihr geschrieben hatte, dass das mit dem Entspannen gerade nicht angesagt ist, weil eine weitere Kollegin krankheitsbedingt ausgefallen ist:
„Demenz! Ich sage nur Demenz! Und dann hab ich wegen Frau XY Deine Demenz an der Backe und Du glaubst mir nicht, dass keine rote Gartenschere existiert.“
(Die rote Gartenschere war eine Zeit lang Ommas Such-Dauerbrenner. Momentan ist es eine Sense, mit der sie den Rasen mähen will…)
Das Gefühl für die Verantwortung wird so irgendwie von Generation zu Generation weitergegeben. Ob das nun gut oder schlecht ist, wird vielleicht jeder anders beurteilen. Irgendwie scheint es mir beides zu sein.
(Und ich bin übrigens auch sehr dankbar, dass mir der Huflaikhan so zur Seite steht. Vieles könnte ich allein gar nicht wuppen, denn auf mich hört die Omma nur bedingt.)
das mit dem dauerstress=schrumpfpferdefeld=demenz ist mir neu und gleichzeitig beunruhigend, weil dauerstress habenn wir doch irgendwie alle.
Dass der Hippocampus wesentlich bei der Ausbildung von Gedächtnis beteiligt ist, weiß man schon länger, aber dieses Modell der Demenzentstehung kannte ich auch noch nicht.
Wird aber bei den Psychologen offenbar gerade so gelehrt und vermutlich ist da auch was dran – wenn vielleicht auch nicht als alleiniger auslösender Faktor.
In anderen Kulturen, die nicht den Dauerstress zum Ideal erheben, soll es so etwas wie Demenz ja kaum geben. Und mir ist auch eine Studie an einer Nonnenpopulation erinnerlich, in der die Probandinnen zwar hirnmorphologisch alle Anzeichen einer Alzheimererkrankung hatte, aber keinerlei Symptome in diese Richtung. Das würde passen, weil sie mehrfach täglich in meditativer Versenkung des Gebets geübt sind.
Aber das sind nur meine laienhaften Gedanke dazu.
Der Dauerstress, dem wir uns aussetzen hat mit Sicherheit auch strukturelle Auswirkungen auf unser Gehirn – umso wichtiger, ihn zu relativieren und sich z.B. dem Leistungsgerenne nicht ungeschützt hinzugeben.