…wie wir damals reanimiert haben, auf der zwölf? Du, ich würde noch heute aus dem Bett springen, wenn einer REA ruft, echt.
Das waren noch Zeiten. Und dann dieser Assistent, weißt du noch? Wie der in seiner zweiten Dienstwoche plötzlich vor mir steht und sagt: „Der Chefpatient ist tot!“ Mann! Ich den Oberarzt angerufen und in den Hörer gebrüllt: „Der Chefpatient ist tot!!!“ und der so „Wie? Tot?“ und ich so „Mausetot“ und wie der Chef da getobt hat! Mann!
Und weißt Du noch, wie die Birgit in den Eimer mit dem Mageninhalt getreten ist, als irgendwie alles aus dem Ruder lief, wo wir in dem einen Zimmer diesen Selbstmordkandidaten reanimiert haben und die Magenperforation im Zimmer daneben plötzlich ’ne Nullinie hatte? Wo wir dann nur noch gegrölt haben vor Lachen – so Übersprungshandlungen – und gearbeitet haben bis zum Umfallen!“
„Ja, und wie ich dann auch noch plötzlich mittendrin in die Rettungsstelle gerufen wurde, weil da das nächste Polytrauma angelandet ist. Sturz aus großer Höhe – 7. Stock, ich weiß das noch wie heute!“
„Ja, das war ein Tag nach Weihnachten, nicht wahr?“
„Dann kam noch der Notruf aus dem Kreisssaal, die Spätgebärende, bei der ich zwei Stunden vorher eine PDA gelegt hatte. Mann, ging mir da die Muffe – hatte dann aber gar nichts mit der PDA zu tun, das Kind hatte einfach schlechte Herztöne. Guck mal ich fange jetzt noch an zu zittern, wenn ich daran denke. Mann! Das waren Zeiten. Irgendwie doch schön.“
„Ja irgendwie, aber erinnerst du dich auch daran, wie du immer schon am Eingang zur Klinik angefangen hast zu zittern? Erinnerst du dich an die Anspannung, den Stress, die Alpträume, an die Autounfälle nach den 36 Stunden Dienst?“
Rettungsrambos, Helden im weißen Kittel. Das ist normal, das muss so sein.
Nur irgendwann sollte die Persönlichkeit schon so weit gereift sein, dass das coole Gefühl des Überschreitens eigener Grenzen, die pathetische Selbstdarstellung als Retter der Menschheit nicht mehr Motivation ist, diesen Beruf auszuüben.
Denn erst was danach kommt, kann man guten Gewissens ärztlich nennen.
(Sorry, aber manche Dingen gehen mir manchmal jewaltich uffe Bimmel.
Da kriechick denn echt schlechte Laune von. Das ist auch der Grund, warum bereits im Studium mein Freundeskreis aus Mathematikern, Physikern, Chemikern, jedoch nicht aus Medizinern bestand. Ich kriiiech Pickel bei Weißkittelposing.)
3 Kommentare zu “Weißt du noch…”
Hat nichts mit dem Thema zu tun: Ich würde Dir gerne eine Mail schicken, kann aber hier nirgendwo eine entsprechende Adresse entdecken. Wäre es möglich, dass Du mir mal Deine Mail-Adresse schickst? Das wäre sehr schön! Den Kommentar kannst Du, nach dem Du ihn gelesen hast einfach löschen. Danke! :)
Hallo liebe Pepa,
diese sportive Medizin geht mir, wo ich sie mitkriege, auch auf die Nerven.
Aber mir bereitet anderes Sorgen. Ich kenne Mediziner und habe sie auch in meinem engsten Umfeld, die den Kärrnerdienst in der Klinik eben nicht sportiv sehen, die – weitab von jeder angemessenen gesellschaftlichen Wertschätzung ihrer Tätigkeit – den besten Teil Ihres Lebens an der Grenze der körperlichen Erschöpfung damit zubringen, eine gute Medizin zu machen. Ich vermute, Du gehörst auch dazu.
Und die strukturellen Sachzwänge in den Kliniken reizen deren Arbeitszeit nicht nur bis an die Grenzen des Zulässigen, sondern auch über die Grenzen des Zumutbaren aus. Da werden schonmal en passant medizinische Notwendigkeiten mißbraucht, moralischen Druck aufzubauen. Und ich bewundere jeden grenzenlos, der nicht als Zyniker aus dieser Situation hervorgeht. Der die Situation auf den Intensivstationen (Ihr Schlafdokoren gehört ja eng dahin, oft genug noch mit dem Dünkel der chirurgischen Kollegen konfrontiert) angemessen nah an sich ranläßt und gleichzeitig die emotionale Distanz in einem Maße wahrt, der Handlungsfähigkeit erhält.
Und die Aufgabe, diese Balance zu halten, macht diejenigen Mediziner, die ich kenne, in einem Maße still und introvertiert, daß es mich erschreckt.
Ein Bekannter schilderte, daß er nach einem Nachtdienst in der Unichirurgie, wo die Polytraumen, die Schwerstverletzten mit dem Hubschrauber hingeschafft werden, im Halbschlaf in eine Bäckerei geschlichen ist, unrasiert, mit ungewaschenen Haaren. An der Theke standen die frischgeduschten, frischrasierten beanzugten Menschen Schlange, um ihr Frühstück für den Arbeitstag zu besorgen. Er drängelte sich vor und wird natürlich schief angesehen. Man denkt, er komme von einer Fete oder ähnlichem und räuspert sich. Und es ist ihm egal. Er hat Hunger und will ins Bett. Keiner weiß, keiner muß wissen, was er gerade hinter sich hat. Keiner würde ihn verstehen, aber alle würden betroffen schweigen. Die Leute wissen nicht. Sie urteilen trotzdem. Das ist natürlich unerträgliche ärztliche Arroganz. Aber erschreckend. Und besser als das von Dir beschriebene.
Liisa, habick jemacht. :-)
Thorsten, ich meinte auch eher die Kollegen, die schon längere Zeit aus der Klinik raus sind und die wie alte Kriegsveteranen pathetisch von vergangenen Zeiten schwärmen. (Wie alte Kriegsveteranen lassen sie sich auch gern wieder „einziehen“ um dann an derzeit ein wenig potemkinsch anmutenden medizinischen Fronten kämpfend ihren Mann zu stehen….)
Auch weil ich weiß, dass die derzeit in den Kliniken schuftenden jungen Kollegen bis aufs Blut ausgesaugt werden, finde ich dieses Heldentum so abstoßend. Und eines ist sicher: Auch wir haben damals geschuftet, gar keine Frage, aber wir waren nicht annähernd solchem bürokratischen Gewust ausgesetzt. Uns ging es vergleichsweise gut.
Meine Tochter meinte gestern zu mir, dass sie wohl doch eher Medizin studieren wolle. Das Fach interessiere sie einfach mehr, als die Juristerei, die sie sich im Hinblick auf meine Berufsschilderungen ausgeguckt hatte.
Was soll ich dazu sagen? Ich weiß, dass sie alle Anlagen für eine gute Ärztin mitbringt. Sie ist klug, einfühlsam und extrem belastbar – aber will ich das für mein Kind wirklich?