Zurück aus bayerischen Gefilden, im Gepäck gutes Brot und ein Stück Schweinebraten vom Landmetzger. Wäres es doch nur nicht so weit weg. 500 1000 km Autobahn fährt man halt nicht jedes Wochenende.
Ach ja – bei mir sind es nur knapp 700 km… aber wie Sie sagten, man fährt es nicht jedes Wochenende. Und dabei lohnt sich die Oberpfalz…
Hm, also… Umziehen? ;-)
Ja Tanja, Regensburg ist schön, aber umziehen, Karan, kommt derzeit nicht mehr infrage.
Zum einen macht einen zu dieser Jahreszeit der Regensburger Nebel kirre bis depressiv, zum anderen habe ich mich schon vor etwa zwei Jahren dort beruflich umgesehen. Zu dieser Zeit war Bayern noch die Insel der glückseeligen niedergelassenen Anästhesisten, wie es schien. Nicht nur wurde mir eine Zweiraum-Praxis zu einem derart utopischen Preis angeboten, zu dem ich in anderen Gegenden eine ganze Belegklinik hätte erwerben können (hätte ich es noch geschafft, eine Bank dazu zu überreden, mir einen entsprechenden Kredit zu verticken, ich wäre spätestens jetzt ziemlich extrem pleite), auf meine wiederholte Frage, zu welchen Punktwert denn die (anästhesiologischen) Leistungen aktuell vergütet werden, erntete ich an allen Stellen nur ein ahnungsloses Schulterzucken: „Dös wissn mir net!“ oder so ähnlich und „Da machen wir uns gar keine Sorgen, hier in Bayern ist alles in Ordnung.“. Ich dachte mir nur so, okay Jungs, das wird nicht mehr lange so bleiben und auch wenn ich mir in diesem Punkt einen deutlichen Süd-Nord-Shift gewünscht hätte, genau so ist es gekommen. Mittlerweile sind sie auch in Bayern wach geworden, die Kollegen, weil sie zwischendurch nämlich auch plötzlich nicht mehr annähernd kostendeckend arbeiten konnten und das Erwachen war wohl recht böse.
In Berlin sind wir da bedeutend weiter, auch wenn das nicht unbedingt etwas ist, was man nun besonders toll findet.
In Berlin steppt aber auch zunehmend der gesundheitspolitische Bär im Kettenhemd und da ich beschlossen habe, künftig eher an einer anderen Stelle in diesem System mitzuspielen, rockt Berlin gerade außerordentlich…
…mal ganz davon abgesehen, dass ich meinen Gören einen Umzug, weg von ihren Freunden und Orchestern und Bands auch nicht zumuten kann und will.
Als ich »umziehen« las, dachte ich: Pepa außerhalb von Berlin? Das funktioniert nicht.
Aber wie konnte denn diese Honorarreform so gnadenlos verdorben werden? Je nach Quelle wird doch behauptet, dass Ihr als Ärzte eine bis zwei Milliarden Euro mehr bekommen sollt. Aber man hört von Fachärzten nur
– dass die Pauschale pro Patient und Quartal gekürzt wird und
– dass man den Praxen eine Maximalzahl von Patienten vorschreibt.
Somit führen [nach Aussage der Fachärztevertretungen] mehr Patienten automatisch zu einer Verringerung der Pauschale pro Patient und die Kürzungen führen zu einer Verringerung des Einkommens der Fachärzte. Gute Ärzte (und damit deren Patienten) würden bestraft.
Aber das kann ich mir so einseitig auch nicht vorstellen. Beziehen sich diese Pauschalen nur auf die Grundberatung und -verwaltung der Patienten? Werden dann die konkreten Behandlungen »normal« honoriert? Wurden die Honorare für die konkreten Behandlungen auch gesenkt oder sind sie gleich geblieben oder werden bestimmte Behandlungen jetzt besser bezahlt?
Die Politik spricht nur von einer Verbesserung um zwei Milliarden, die lokalen Facharztverbände sprechen nur von Kürzungen. Man ist es zwar inzwischen gewohnt, dass Milliarden verschwinden, aber in der Form ist es doch neu … Irgendwo dazwischen muss doch die Wahrheit sein. Was passiert mit dem Geld aus den deutlich erhöhten Beiträgen?
Stefanolix, auf die Frage, wo denn die Kohle hin verschwindet, werde ich mal versuchen zu antworten. Mehr als ein Versuch wird es nicht werden, da das System mittlerweile derart komplex ist, dass einfache Kausalitätsbeziehungen, wie sie die Politik uns verklickern will, nicht mehr auszumachen ist. Momentan bin ich allerdings ziemlich überlastet, so dass ich mir die Zeit dafür frühestens am Wochenende nehmen kann.
Tute mir leide! ;-)
Bis denne.
Ich versuche wirklich, das zu begreifen, weil es von außen so furchtbar unlogisch aussieht und weil man nicht mehr weiß, wem man glauben soll. Sicher wären Dir auch andere Leserinnen und Leser für Hinweise sehr dankbar. Es ist wirklich ein sehr komplexes Geflecht aus Interessen. Mir ist klar, dass da von allen Seiten ein gehöriges Maß an Lobbyismus im Spiel ist. Andererseits kann es den Patienten natürlich nicht gut gehen, wenn es den Ärzten schlecht geht.
Nachdem ja jetzt alle Kassen einen Einheitsbeitrag erheben und manche ein klein wenig Geld rückvergüten, wäre es auch mal interessant, eine Entscheidungshilfe zur Wahl der Kasse zu haben. Ich meine das ausdrücklich nicht aus Sicht meiner Brieftasche, sondern aus Sicht der Mediziner: welche Arten von Kassen sind bei Euch besser oder schlechter angesehen — oder hat das überhaupt keine Bedeutung mehr, weil die KV alles in der Hand haben? [Früher soll es da ja Unterschiede gegeben haben.]
Ich wäre in beiden Fällen schon für einen Link dankbar, wenn Du Quellen kennst, die ich als interessierter und aufgeschlossener Laie lesen sollte. Alles Gute bis zum Wochenende, wir sind ja hier ähnlich stark eingespannt — aber man freut sich ja andererseits in diesen Zeiten, wenn man viel zu tun hat …
da ist noch richtig Zündstoff drin. Wenn das Schule macht… wobei ich den Bayern da auch einiges zutraue.
@ Stefanolix: das kann man jetzt im voraus wohl nicht absehen, es gibt ja noch keine Erfahrungen mit dieser neuen Ausgeburt des BMGS.
Genausowenig, wie man auf die Bewertung anderer von ÄrztInnen viel geben darf. Ausser, wenn alle schlechte Erfahrungen machen, dann sollten die Alarmglocken läuten. Aber kein Arzt ist auf jedem Gebiet und in seinem Gebiet für alles Krankheiten gut. Ausserdem geht es auch um die Chemie zwischen Arzt und Patient.
Gruß
Dokse
Mir ging es mit meiner Frage nicht um eine Bewertung der Arbeit von Ärztinnen und Ärzten. — Nachdem ich in den lokalen Zeitungen nun von fast jeder Fachärztegruppe gehört habe, dass sie durch die neuen Maßnahmen stark benachteiligt werden, wollte ich einfach mal eine unabhängige Meinung hören. Die Vertreter der protestierenden Ärzte geben übrigens die Verantwortung auch der KV, die ja die Gesetze umsetzen muss. Das Gesundheitsminuisterium stand gar nicht so um Mittelpunkt der Kritik.
Und nachdem eine Bekannte neulich von einem Schild berichtete, das sinngemäß und zum wiederholten Male aussagte: »Mitglieder der Kasse XYZ können wir bis Jahresende 2008 nicht mehr behandeln, weil die Kasse XYZ uns nicht bezahlt«, wollte ich halt gern wissen, ob bestimmte Kassen generell eher ungern gesehen werden.
Danke für den Hinweis auf das Regelleistungsvolumen. Ich habe mich da gerade etwas festgelesen. Offensichtlich ist der Spielraum der Kassenärztlichen Vereinigungen am Ende relativ gering, wenn sie dann doch zum Mitmachen gezwungen werden können.
Ja, das Regelleistungsvolumen. Wieder so ein Schocker, den eigentlich keiner so recht und richtig versteht und der lediglich einer der momentan zahllosen politischen Eingriffe in unser Gesundheitssystem ist. Ich bin gespannt, wie lange die Westphalen das mit ihrem Ungehorsam durchhalten können.
So, jetzt habe ich mich ja doch vor dem Wochenende zu Wort gemeldet und nur mal so als Einsteiger, worüber wir hier eigentlich im Rahmen des Gesamtsystems reden:
Die Honorare der Kassenärzte machen nur etwa 15% der Gesamtausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung und in Euronen ca. 24 Mrd. aus.
Sie setzten sich bisher aus verschiedenen Komponenten zusammen.
So wurden gewisse Leistungen innerhalb des Praxisbudgets – zu einem ebenso gewissen, niedrigen Punktwert vergütet, andere, bei denen gemäß EBM und mit dem gleichen niedrigen Punktwert kein kostendeckendes Arbeiten mehr möglich ist (wie bei dem ambulanten Operationen, bei denen im Vergleich zum Austellen eines Schnupfenrezeptes ein immenser apparativer und personeller Aufwand erforderlich ist) werden außerbudgetär im Rahmen spezieller (Struktur-)verträge vergütet. Diese Vertäge werden allerdings von den Kassen (bzw. Kassenverbänden) in unterschiedlicher Art und Weise für speziell dafür qualifizierten Ärzten bzw, Zentren abgeschlossen (wobei dei KV prüft, wer qualifiziert ist und wer nicht) und immer wieder mal eben abrupt gekündigt nicht verlängert (never ending Story, ich habe das jetzt zum ich-weiß-nich-wievielten-mal erlebt).
Wenn so etwas der Fall ist, dann kann es zu den von Dir, Stefanolix, beschriebenen Nebenwirkungen kommen – nämlich dass eine Praxis den bei der betreffenden Kasse versicherten Patienten leider sagen muss, dass sie sie nicht mehr behandeln können. (Wenden sich diese Patienten dann an ihre Kasse, bekommen sie nicht selten zu hören: „Der Arzt muss sie behandeln, wir bezahlen das schließlich.“ Dass das, was sie zahlen in vielen Fällen nicht einmal die Unkosten die der Arzt hat deckt, sagen sie nicht (da wären sie ja auch schön blöd) und da wir hierzulande was die Gesundheitsversorgung angeht durchaus so etwas wie eine Vollkasko-Mentalität haben, kommt auch keiner auf die Idee, sich mal zu überlegen, dass der Mädia-markt ihm auch keinen Flachbildschirmfärnsäher für zwanzig Cent vertickt, nur weil er ja schließlich irgendetwas bezahlt.
Ausgenommen davon sind selbstverständlich Notfälle, da muss der Arzt tätig werden, egal ob er dafür bezahlt wird oder nicht.
Das ist aber nur ein verschwindend geringer Teil der Wahrheit von dem, was in Sachen Gesundheitssystem passierte und passiert.
Fortsetzung folgt, wenn gewünscht.
Und nur mal so…
…. wie demnächst aus Punkten Euronen gemacht werden sollen ist ein nicht minder interessantes Thema.
Unter anderem…
;-)
Okay, fahren wir fort mit der Sendung mit der EBM-Maus.
Heute zur Frage: Warum schreien die Ärzte eigentlich andauernd, dass sie mehr Geld wollen, wo man für sie doch schon so viele schöne Reformen erlassen hat?
Fangen wir einmal mit der Frage an, wie werden die Kassenärzte (= Vertragsärzte – und nur um die geht es hier) eigentlich vergütet?
Grundlage der vertagsärztlichen Vergütung ist hierzulande der sogenannte Einheitliche Bewertungsmaßstab, kurz EBM, dessen Ausgestaltung im SGB V § 87 Abs. 2 festgelegt wird.
Und da lautet es folgendermaßen:
Der einheitliche Bewertungsmaßstab bestimmt den Inhalt der abrechungsfähigen Leistungen und ihr wertmäßiges, in Punkten ausgedrücktes Verhältnis zueinander; soweit möglich, sind die Leistungen mit Angaben für den zur Leistungserbringung erforderlichen Zeitaufwand des Vertragsarztes zu versehen….
Da ist er dann also auch schon, der erste potenzielle Pferdefuß der Angelegenheit: „in Punkten“, gefolgt von dem zweiten, dem möglichst festgelegten Zeitaufwand (dazu vielleicht später einmal mehr, kann sich aber eigentlich jeder ausmalen, was das bedeutet).
Zu den Punkten. Wofür die eigentlich im EBM festgelegt werden, sagt uns wieder das Gesetz (immer noch SGB V § 87 Abs. 2 – ja der ist relativ lang), nämlich:
Im Bewertungsmaßstab für die ärztliche Leistung ist die Bewertung der Leistung… unter Berücksichtigung der Besonderheiten der jeweils betroffenen Arztgruppen auf der Grundlage sachgerechter Stichproben bei vertragsärztlichen Leistungserbringern auf betriebswirtschaftlicher Basis zu ermitteln.
(Dass der EBM bis heute nicht alle zu erbringenden vertragsärztlichen Leistungen abbildet, auf der anderen Seite noch Leistungen enthält, die nach evidenzbasierten Kriterien nicht mehr so richtig vollkommen, ähmn haltbar sind, sei hier nur am Rande erwähnt, das tut erstmal nix zur Sache...
...außer für die Kollegen, die dann gezwungen sind, für Umme irgendwelche Behandlungen und so, aber macht nüscht. Wie gesagt, nur mal am Rande.)
Was hat man also gemacht, als man den letzten EBM strickte?
Man hat, damit die in diesem Werk abgebildeten ärztlichen Leistungen angemessen vergütet werden einen Punktwert von 5,11 Cent zu Grunde gelegt. (Wie man ausgerechnet auf diesen krummen Wert gekommen ist, und ob man zuerst den Punktwert und dann das Punktvolumen je Leistung, oder erst das Punktvolumen je Leistung und dann den Punktwert festgelegt hat, weiß ich nicht, ich vermute mal ersteres, aber auch das tut hier eigentlich nix zur Sache.)
Soweit, so gut.
Man hat sich also ausgerechnet, dass eine Vergütung von 5,11 Cent pro Punkt angemessen wäre.
In der Realität heißt das aber noch lange nicht, dass der Arzt nun auch 5,11 Cent pro erbrachten Leistungspunkt erhält. OH NEIN!
Kurz nachdem der m EBM 2008 das Licht der Welt erblickte, war bereits klar, dass das mit den 5,11 Cent wohl ein Ammenmärchen sein würde. Soviel Geld war (angeblich?) gar nicht da.
Da man als niedergelassener Arzt aber erstmal arbeitsmäßig in Vorleistung gehen muss, d.h. du arbeitetes erstmal drei Monate, dann erfährst du im Nachhinein, wieviel deine erarbeiteten Punkte nun wirklich wert waren, war die Situation vielleicht nicht allen sofort in aller Härte klar. (Man hat als Arzt übrigens, anders als die Vertreter vieler anderer Gruppen im Gesundheitssystem, ja auch irgendwie noch etwas anderes zu tun, als Punkte zu zählen und jede neue Reform sofort bis ins Kleinste zu durchkämmen. Was war das doch gleich noch mal? Ach ja, da sitzen lauter so Menschen im Wartezimmer...
Die Häme, die sich diesbezüglich immer wieder über die Ärzte ergießt, finde ich daher relativ überflüssig und zum Gähnen, gerade wenn sie von Menschen kommt, die für nichts anderes bezahlt werden, als sich mit den schönen neuen Reformen und ihren Auswirkungen zu beschäftigen und zwar nicht schlecht.)
Wieviel nun jeder einzelne Arzt bekommt, dafür spielen Verteilungskämpfe innerhalb der Fachgruppen in der KV auch noch einmal eine Rolle. Das wird immer gern in der Öffentlichkeit medienwirksam ins Feld geführt („Geld ist ja genug da, die Ärzte sind bloß zu blöd es zu verteilen, harharharhar…“) um davon abzulenken, dass auch wenn man den Durchschnitt über alle Ärzte nimmt, nie ein Punktwert von 5,11 Cent zustande kommt, die Ärzte auf gut Deutsch also um ihr EBM-gemäß angedachtes Einkommen beschissen werden ihre Arbeit zum Wohle der Menschen eben für weniger, teilweise eben nicht mehr kostendeckende, Kohle ableisten müssen.
Nun könnte man meinen, okay, wenn die Kohle nicht stimmt, warum arbeiten die Deppen dann überhaupt noch dafür?
Zum einen weiß man als Vertragsarzt ja nicht, wieviel man letztlich erwirtschaftet, weil die Punktwerte ja im Nachhinein berechnet werden (man kann es sich allerdings denken, dass es auf keinen Fall die magische Grenze von 5,11 Cent pro Punkt erreicht), zum anderen hat die kassenärztliche Vereinigung einen Sicherstellungsauftrag und zwar für die ärztliche Versorgung der Menschen hierzulande.
Im Klartext heißt das, dass du als Vertragsarzt z.B. verpflichtet bist Notdienst zu schieben, ob du willst oder nicht. (Hat da eben jemand "Zwangsarbeit" gerufen? Jaaaa, naja, also so weit....
.....ja doch, irgendwie schon, wa?)
Soweit so schlecht. Und wie kommt es nun dazu, dass viele Ärzte am Ende des Quartals die Patienten für Gottes Lohn behandeln?
Schauen wir ins Gesetz (ja, immer noch SGB V § 87 Abs. 2….;-) ), da steht:
…die Bewertung der von einer Arztpraxis oder einem medizinischen Versorgungszentrum in einem bestimmten Zeitraum erbrachten Leistung kann dabei insgesamt so festgelegt werden, dass sie ab einem bestimmten Schwellenwert mit zunehmender Menge sinkt.
Da ist es, das Regelleistungsvolumen. Früher wurde hier das individuelle Praxisbudget als Instrument eingesetzt, beides läuft aber scheinbar auf’s Gleiche hinaus.
Im Klartext: Wenn du mehr Patienten in einem Quartal behandelst, als für Deine Praxis festgelegt, dann bekommst du für diese Patienten kein zusätzliches Geld.
Könnte man denken, okay, behandel ich eben keine weiteren Patienten wenn ich im Quartal schon genug behandelt habe. Könnte man denken, sollte man sich aber gewaltig vorsehen, denn
1. kann dir der Staatsanwalt uffen Kopp kommen, denn du bist verpflichtet Notfälle zu behandeln auch wenn du dafür nicht vergütet wirst und was ein Notfall ist, das wird im Falle eines Prozesses nicht von dir selbst festgelegt.
2. in die Berechnung des Regelleistungsvolumen wird/wurde die von dir bislang pro Quartal behandelte Patientenanzahl mit einberechnet. Wenn du also in der Vergangenheit deine Praxis dicht gemacht hast, wenn du dein Praxisbudget abgearbeteite hattest (was in der Stadt geht, weil es an der nächsten Ecke einen weiteren Arzt gibt, was aber in ländlichen Gegenden ungleich schwieriger ist), dann bist du jetzt auch gut Deutsch angeschissen. Nun ja, so isse Läbbe.
Fassen wir zusammen:
– Bisher wurde – gemäß EBM – der Arzt in Punkten, die einen bestimmten, nächträglich zu bestimmenden Wert haben, entlohnt und zwar Monate nachdem er die Leistung erbracht hat.
– Der Punktwert war ursprünglich mit 5,11 Cent als kostendeckend angedacht, er liegt aber regelmäßig darunter (für den Notdienst, auch nachts an den Wochenenden und feiertags, gern auch mal um den Dreh von 1,9 Cent - wohlgemerkt für die erbrachte Leistung, nicht etwa für Anwesenheit im Sinne von rumsitzen und Kaffee schlürfen - das ist, soweit es die Zeit überhaupt erlaubt, reines Privatvergnügen).
– Jede Praxis hat ein Regelleistungsvolumen, das heißt, wenn man eine bestimmte Anzahl von Patienten behandelt hat, bekommt man für alle, die man danach noch behandelt keine Kohle mehr.
Und schauen wir doch mal, was für tolle Neuerungen geplant sind:
Zum einen will man endlich die lästigen Punkte abschaffen. Klingt doch eigentlich ganz gut, oder? Ärzte sollen dann nicht mehr in Punkten, deren Wert floaten kann, entlohnt werden, sondern in festen, ehrlichen Euronen.
Wäre eigentlich zu schön um wahr zu sein. Und wie sich der geneigte Leser vielleicht schon denken kann:
Die Sache hat einen Haken.
Und der ist zum Glück diesmal schnell erklärt.
Für die Berechnung der Euronenbeträge für jede Leistung hat man wohl vor, die Anzahl der im bisherigen EBM ausgewiesenen Punkte zu Grunde zu legen.
Okay, auch noch nicht weiter schlimm.
Merkwürdig ist allerdings der Umrechnungsfaktor, den man anwenden will, nämlich 3,5 Cent pro Punkt.
Okay, könnte man jetzt sagen, ist immer noch mehr als 1,9 Cent. Das stimmt schon, aber wir erinnern uns – was war einmal Berechnungsgrundlage für eine ausreichende Vergütung?
Genau, 5,11 Cent.
Und 3,5 ist ja wohl eindeutig weniger als 5,11, wa? Kostendeckung also auch weiterhin ade!
Hm, alle noch da? Jemand in der Zwischenzeit eingeschlafen? Kann ich gut verstehen, das Ganze (und das was ich da eben versucht habe zu beschreiben ist ein klitzekleiner Teil davon) ist kompliziert. So kompliziert, dass nicht nur kaum mehr einer durchsteigen will, es kann auch keiner mehr so richtig durchsteigen (ich auch nicht, deshalb ist das hier auch nur der Teil, den ich verstanden habe und dieser erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und letztliche Richtigkeit, die es - so ahne ich zumindest - vielleicht auch gar nicht gibt, denn das System ist, wie man so schön sagt, im Fluss...
...man könnte auch sagen, es geht den Bach runter....) weder der Arzt noch der Patient und die sollen das auch gar nicht, denn wir rasen gerade mit Karacho in Richtung Staatsmedizin, die allerdings nicht das Wohl der Bürger, sondern vielleicht eher die Frage: „Wie wandert deine Kohle in meine Tasche?“ bewegt. Wobei die Tasche, so hat es zumindest verdammt den Anschein, die bestimmter Großkonzerne ist. Aber wie gesagt, sieht irgendwie nur so aus, ist bestimmt gaaanz gaaanz anders…
Soviel erstmal für heute, ist eh schon viel zu viel, wenn noch jemand Lust auf eine Fortsetzung hat, dann könnte ich noch etwas dazu erzählen, wie die Facharztpraxen platt gemacht und die ambulante fachärztliche Versorgung an die Kliniken verlegt werden soll. Die Schritte hierfür sind schon eingeleitet.
Nur soviel vorab – es gibt in unserem Land Gesetze, aber man sollte nicht meinen, dass unsere Politik sich an diese Gesetze hält. Muss die nicht. Das haben wir ja schon an anderer Stelle eindrücklich demonstriert bekommen.
Ach ja, und da wären ja auch noch die finanziellen Auswirkungen für jeden Einzelnen von uns, die uns die Gesundheitsreform beschert hat.
Viele Baustellen eben.
Aber erstmal: Schönen Sonntag allerseits!
;-)
Ich bin auch geplättet (nachdem ich in den letzten Tagen wieder mal mehr Zeit auf der Eisenbahn als im Bett verbracht habe — weniger von Deiner Erklärung). Ich bin so geplättet, dass ich mich in den nächsten Monaten gewiss zu keinem Arzt trauen werde, denn ich mache ihn ja ganz sicher durch mein Erscheinen nicht glücklicher;-)
Dein Text ist mir außerdem eine Motivation für gesunde Ernährung und viel Bewegung an frischer Luft ;-)
Nein, im Ernst, ich drucke mir sonst sehr selten Texte aus, aber diesen werde ich morgen auf die nächste Dienstreise mitnehmen. Das ist wirklich sehr schwer verdaulich und ich wundere mich nur, warum die Ärzte keine wirklich funktionierende Interessenvertretung auf die Beine gestellt haben. Wenn man irgendwo einem Beamten eine Veränderung der Lichtverhältnisse beim Büroschlaf zumutet, steht doch auch sofort der Beamtenbund auf der Matte.
Es ist auch bezeichnend, wie die Gesundheitspolitik zum Spielball der Tagespolitik wird: nichts wird zu Ende gedacht, nichts bleibt stabil und nichts ist verlässlich.
Zwar bin ich in der DDR-Zeit noch nicht so tief in die Zusammenhänge des Gesundheitswesens eingestiegen, aber Deine letzten Abschnitte scheinen mir darauf hinzudeuten, dass es wieder in diese Richtung gehen könnte: Polikliniken mit langen Wartezeiten, dicker Filz und Rationierung allerorten. Im Bestseller »Der Turm« lässt der Autor so einiges anklingen. Na dann: Gesundheit …
Ach Stefanolix, geh ruhig zum Arzt, wenn Du krank bist. Der Arzt ist sicher froh, mal jemanden gegenüber sitzen zu haben, der seine Situation ein wenig kennt. ;-)
(((Aber nur nochmal so: meine Ausführungen sind das, was ich bis jetzt aus den Zeichen gelesen habe, ohne Anspruch auf irgendeine Art von Vollkommenheit. – Dit war jezz sowat wie’n Disklähmer ;-) )))
Stefanolix, grundsätzlich denkst Du genau in die gleiche Richtung, wie ich es auch tue. Polikliniken, lange Wartezeiten, jedes Mal ein anderer angestellter Jungarzt, weite Wege, denn von wohnortnaher Versorgung keine Rede, die Omma vom Dorf mit Herzinsuffizienz und Arthrose kann zusehen wie sie die 50 Kilometer zum nächsten Arzt schafft – oder sie wartet auf Schwester Agnes (auch so ein Thema! Es gibt Krankenschwestern und Pfleger, von denen würde ich mich am offenen Herzen operieren lassen - von ihr hier zum Beispiel. Es gibt aber auch viele viele andere, von denen würde ich mir nicht mal die Nägel schneiden lassen. Oder etwas anders ausgedrückt: ganz grundsätzlich gibt die Ausbildung einfach nicht her, dass hier ärztliche Tätigkeiten mal eben so eifach delegiert werden können - schon ganz simpel rechtlich gesehen. Momentan jedenfalls noch.).
Wird auch schon gut drauf hingearbeitet, auf die Polikliniken mit all ihren Nebenwirkungen und das Instrument zum Unterhöhlen und später Plattmachen der kassenärztlichen Facharztversorgung ist der § 116b SGB V – ambulante Behandlung im Krankenhaus.
Ein Paragraph der bei bestimmungsgemäßem Gebrauch eigentlich gar nicht so viel platt macht, denn er regelt ziemlich scharf welche Diagnosen dafür überhaupt infrage kommen. Ferner sind auch die Voraussetzungen, die eines solche Einrichtung nach § 116b erfüllen muss, streng geregelt.
Aber wer hält sich denn hierzulande schon an Regeln oder Gesetze?
Nach meinem Kenntnisstand liegen auch schon Bewerbungen von Kliniken für die Zulassung für die ambulante Behandlung nach § 116 b vor, die eben diese Voraussetzungen aber auch so gar nicht erfüllen und dreimal darfst Du raten: Wer sitzt in dieser Klinikgruppe im Aufsichtsrat?
Genau! Der Tüpp mit dem Propeller unterm Kinn, der unsere Ullala berät und der behauptet, er hätte mal Medizin studiert…
…was eigentlich…
… nun ja, neulich, als er wieder mal mächtig über die bösen bösen Ärzte schimpfte, die den armen armen Menschen immer ganz viel Aufputschmittel verschreiben damit die sich am Arbeitsplatz ordentlich dopen können (seit wann gibbet denn Koks uff Kassenrezept? Hab ick da wieda wat vasäumt?), da ist ihm so ein ganz blöder, wirklich ganz blöder Stammtischfehler unterlaufen. Da hat der doch glatt die Psychotherapeuten mit den Psychiatern verwechselt, wa?
Ick mein, dit kann ja ma passiern, wa? So Karl Napp vonne Straße, dem kann das passieren – aber bitte schön nicht Karl dem Großen, der Medizin studiert zu haben meint und dem zu weiten Teilen die Gesundheitspolitik und damit die Gesundheit der ganzen Republik anvertraut ist.
Aber zurück zum 166 b.
Momentan werden die Kliniken für ihre ambulanten Bemühungen noch separat vergütet. Demnäääächst, soll allerdings – also man munkelt, wa – das (Gesamt-)Budget der Kassenärzte um das der ambulanten Versorgung im Krankenhaus „bereinigt“ werden.
„Kooperative Konkurrenz“ heißt das im ministerialen Sprech, also kooperative Konkurenz zwischen (gegen? mit? holla?) Kassenarzt und ambulanter Klinikversorgung.
Ja, jajaja *fingerfuchtel*
genau so habe ich auch gekuckt, so: Hä *koppkratz* wat solln dit sein, „kooperative Konkurrenz“. Na ja.
Aber was mit der „Bereinigung“ des Budgets, das wissen wir schon:
Damals, als die Psychotherapeuten plötzlich aus dem Budget der Fachärzte „mit bezahlt“ wurden. Selbstverständlich ohne diese Budget vorher entsprechens aufzustocken. Ergab dann bis zu 30%ige Honorareinbrüche bei den Kollegen.
Aber was macht der Arzt, wenn ihm die Kohle weggenommen wird?
Auf die Barrikaden gehen?
Eher weniger, denn er ist ja eben nicht Beamter (der darf ja auch nicht allzu laut schreien) oder Angestellter sondern abhängig beschäftiger Selbstständiger.
Abhängig von dem, was für ihn als Honorar festgelegt wird und selbstständig, was die Investitionen in die Praxis, die Miete für die Praxis, die Entlohnung der Mitarbeiter und Berufshaftpflicht angeht und vor allem ist er meist eines primär: ARZT.
Und Ärzte sind es gewohnt unter schlechten Bedingungen die Menschheit zu retten, oder was sagte vor einiger Zeit mal ein fränkischer Landarztkollege zu mir: „Und wenn die weiter das Honorar kürzen, dann fahre ich eben mit dem Blutdruckmessgerät und dem Urinstix auf einem Fahrrad zu meinen Patienten.“ Dabei strahlte er mich ganz heroisch und in vollkommener Verkennung der Tatsache an, dass er damit nicht nur keine evidenzbasierte Medizin an die Patienten bringt, sondern ihm auch die Butze geschlossen wird, weil er die immer höher werdenen Qualitätsanforderungen, die an einen Kassenarzt resp. seinen Praxis gestellt werden, nicht mehr erfüllen kann.
Soviel dazu.
Ein weiterer Kracher, den uns die Gesundheitsreform mit ihrem Gesundheitsfond beschert hat, ist das System, nach dem nun die Kassenbeiträge erhoben werden. Wennde willst, sarick dazu ooch mal irjendwann wat. ;-)
Gute Nacht erstmal.
Ick jehe jetz ersma meene Zahnschmerzen wegpoofn.
Pepa, aus Deinen Beiträgen habe ich gelernt, dass der Arzt seine Situation wohl selbst am wenigsten kennt ;-)
Ich hatte ein wenig gehofft, dass ich hier etwas darüber erfahre, wie man als Patient sinnvoll durch dieses System kommt, aber ich merke schon, dass daraus einfach nichts werden kann. Wie Arzt und Patient noch miteinander gut auskommen sollen oder wie ein guter Arzt honoriert werden soll, scheint mir in diesem System jedenfalls sehr schleierhaft. Man müsste mal die Frau Schmidt richtig in die Zange nehmen können mit der Frage: »Wie wird die Leistung eines guten Arztes belohnt«?
Erst mal wünsche ich Dir einen gesunden Schlaf und morgen melde ich mich noch mal, wenn ich etwas mehr davon verstanden habe. Ich weiß gerade überhaupt nicht, in welcher politischen Konstellation das jemals wieder besser werden könnte. Mit dem Lauteren Bächlein, der Frau Quarkwickel-Schmidt und der Dame von der Leyenspielschar jedenfalls ganz gewiss nicht.
Das System mit den Kassenbeiträgen glaube ich schon verstanden zu haben. Lass mich mal versuchen, mein gesundes Halbwissen aufzuschreiben und Du kannst mich ja dann pieksen, wenn ich etwas falsch verstanden habe.
Morgen früh um 5 ist jedenfalls hier die Nacht zu Ende, bis dahin wird das nix mehr …
PS: Wenn also jetzt Fachärzte auf die Straße gehen und sagen, dass sie für die Versorgung eines Patienten nur 21 Euro pro Quartal bekommen [die Zahl ist aus der Presse so hängengeblieben], dann muss ich das ungefähr so verstehen: die 21 Euro sind die einzige halbwegs sichere Vergütung, alles andere ist vage irgendwo im Ungewissen. Und ein ähnlich »sicherer Teil« der Vergütung war früher etwas höher.
15 Kommentare zu “Mal wieder Infragelb”
Ach ja – bei mir sind es nur knapp 700 km… aber wie Sie sagten, man fährt es nicht jedes Wochenende. Und dabei lohnt sich die Oberpfalz…
Hm, also… Umziehen? ;-)
Ja Tanja, Regensburg ist schön, aber umziehen, Karan, kommt derzeit nicht mehr infrage.
Zum einen macht einen zu dieser Jahreszeit der Regensburger Nebel kirre bis depressiv, zum anderen habe ich mich schon vor etwa zwei Jahren dort beruflich umgesehen. Zu dieser Zeit war Bayern noch die Insel der glückseeligen niedergelassenen Anästhesisten, wie es schien. Nicht nur wurde mir eine Zweiraum-Praxis zu einem derart utopischen Preis angeboten, zu dem ich in anderen Gegenden eine ganze Belegklinik hätte erwerben können (hätte ich es noch geschafft, eine Bank dazu zu überreden, mir einen entsprechenden Kredit zu verticken, ich wäre spätestens jetzt ziemlich extrem pleite), auf meine wiederholte Frage, zu welchen Punktwert denn die (anästhesiologischen) Leistungen aktuell vergütet werden, erntete ich an allen Stellen nur ein ahnungsloses Schulterzucken: „Dös wissn mir net!“ oder so ähnlich und „Da machen wir uns gar keine Sorgen, hier in Bayern ist alles in Ordnung.“. Ich dachte mir nur so, okay Jungs, das wird nicht mehr lange so bleiben und auch wenn ich mir in diesem Punkt einen deutlichen Süd-Nord-Shift gewünscht hätte, genau so ist es gekommen. Mittlerweile sind sie auch in Bayern wach geworden, die Kollegen, weil sie zwischendurch nämlich auch plötzlich nicht mehr annähernd kostendeckend arbeiten konnten und das Erwachen war wohl recht böse.
In Berlin sind wir da bedeutend weiter, auch wenn das nicht unbedingt etwas ist, was man nun besonders toll findet.
In Berlin steppt aber auch zunehmend der gesundheitspolitische Bär im Kettenhemd und da ich beschlossen habe, künftig eher an einer anderen Stelle in diesem System mitzuspielen, rockt Berlin gerade außerordentlich…
…mal ganz davon abgesehen, dass ich meinen Gören einen Umzug, weg von ihren Freunden und Orchestern und Bands auch nicht zumuten kann und will.
Als ich »umziehen« las, dachte ich: Pepa außerhalb von Berlin? Das funktioniert nicht.
Aber wie konnte denn diese Honorarreform so gnadenlos verdorben werden? Je nach Quelle wird doch behauptet, dass Ihr als Ärzte eine bis zwei Milliarden Euro mehr bekommen sollt. Aber man hört von Fachärzten nur
– dass die Pauschale pro Patient und Quartal gekürzt wird und
– dass man den Praxen eine Maximalzahl von Patienten vorschreibt.
Somit führen [nach Aussage der Fachärztevertretungen] mehr Patienten automatisch zu einer Verringerung der Pauschale pro Patient und die Kürzungen führen zu einer Verringerung des Einkommens der Fachärzte. Gute Ärzte (und damit deren Patienten) würden bestraft.
Aber das kann ich mir so einseitig auch nicht vorstellen. Beziehen sich diese Pauschalen nur auf die Grundberatung und -verwaltung der Patienten? Werden dann die konkreten Behandlungen »normal« honoriert? Wurden die Honorare für die konkreten Behandlungen auch gesenkt oder sind sie gleich geblieben oder werden bestimmte Behandlungen jetzt besser bezahlt?
Die Politik spricht nur von einer Verbesserung um zwei Milliarden, die lokalen Facharztverbände sprechen nur von Kürzungen. Man ist es zwar inzwischen gewohnt, dass Milliarden verschwinden, aber in der Form ist es doch neu … Irgendwo dazwischen muss doch die Wahrheit sein. Was passiert mit dem Geld aus den deutlich erhöhten Beiträgen?
Stefanolix, auf die Frage, wo denn die Kohle hin verschwindet, werde ich mal versuchen zu antworten. Mehr als ein Versuch wird es nicht werden, da das System mittlerweile derart komplex ist, dass einfache Kausalitätsbeziehungen, wie sie die Politik uns verklickern will, nicht mehr auszumachen ist. Momentan bin ich allerdings ziemlich überlastet, so dass ich mir die Zeit dafür frühestens am Wochenende nehmen kann.
Tute mir leide! ;-)
Bis denne.
Ich versuche wirklich, das zu begreifen, weil es von außen so furchtbar unlogisch aussieht und weil man nicht mehr weiß, wem man glauben soll. Sicher wären Dir auch andere Leserinnen und Leser für Hinweise sehr dankbar. Es ist wirklich ein sehr komplexes Geflecht aus Interessen. Mir ist klar, dass da von allen Seiten ein gehöriges Maß an Lobbyismus im Spiel ist. Andererseits kann es den Patienten natürlich nicht gut gehen, wenn es den Ärzten schlecht geht.
Nachdem ja jetzt alle Kassen einen Einheitsbeitrag erheben und manche ein klein wenig Geld rückvergüten, wäre es auch mal interessant, eine Entscheidungshilfe zur Wahl der Kasse zu haben. Ich meine das ausdrücklich nicht aus Sicht meiner Brieftasche, sondern aus Sicht der Mediziner: welche Arten von Kassen sind bei Euch besser oder schlechter angesehen — oder hat das überhaupt keine Bedeutung mehr, weil die KV alles in der Hand haben? [Früher soll es da ja Unterschiede gegeben haben.]
Ich wäre in beiden Fällen schon für einen Link dankbar, wenn Du Quellen kennst, die ich als interessierter und aufgeschlossener Laie lesen sollte. Alles Gute bis zum Wochenende, wir sind ja hier ähnlich stark eingespannt — aber man freut sich ja andererseits in diesen Zeiten, wenn man viel zu tun hat …
Werte Kollegin,
Hamse schon gelesen? http://www.kvwl.de/presse/pm/2009/2009_02_09.htm
da ist noch richtig Zündstoff drin. Wenn das Schule macht… wobei ich den Bayern da auch einiges zutraue.
@ Stefanolix: das kann man jetzt im voraus wohl nicht absehen, es gibt ja noch keine Erfahrungen mit dieser neuen Ausgeburt des BMGS.
Genausowenig, wie man auf die Bewertung anderer von ÄrztInnen viel geben darf. Ausser, wenn alle schlechte Erfahrungen machen, dann sollten die Alarmglocken läuten. Aber kein Arzt ist auf jedem Gebiet und in seinem Gebiet für alles Krankheiten gut. Ausserdem geht es auch um die Chemie zwischen Arzt und Patient.
Gruß
Dokse
Mir ging es mit meiner Frage nicht um eine Bewertung der Arbeit von Ärztinnen und Ärzten. — Nachdem ich in den lokalen Zeitungen nun von fast jeder Fachärztegruppe gehört habe, dass sie durch die neuen Maßnahmen stark benachteiligt werden, wollte ich einfach mal eine unabhängige Meinung hören. Die Vertreter der protestierenden Ärzte geben übrigens die Verantwortung auch der KV, die ja die Gesetze umsetzen muss. Das Gesundheitsmin
uisterium stand gar nicht so um Mittelpunkt der Kritik.Und nachdem eine Bekannte neulich von einem Schild berichtete, das sinngemäß und zum wiederholten Male aussagte: »Mitglieder der Kasse XYZ können wir bis Jahresende 2008 nicht mehr behandeln, weil die Kasse XYZ uns nicht bezahlt«, wollte ich halt gern wissen, ob bestimmte Kassen generell eher ungern gesehen werden.
Danke für den Hinweis auf das Regelleistungsvolumen. Ich habe mich da gerade etwas festgelesen. Offensichtlich ist der Spielraum der Kassenärztlichen Vereinigungen am Ende relativ gering, wenn sie dann doch zum Mitmachen gezwungen werden können.
Ja, das Regelleistungsvolumen. Wieder so ein Schocker, den eigentlich keiner so recht und richtig versteht und der lediglich einer der momentan zahllosen politischen Eingriffe in unser Gesundheitssystem ist. Ich bin gespannt, wie lange die Westphalen das mit ihrem Ungehorsam durchhalten können.
So, jetzt habe ich mich ja doch vor dem Wochenende zu Wort gemeldet und nur mal so als Einsteiger, worüber wir hier eigentlich im Rahmen des Gesamtsystems reden:
Die Honorare der Kassenärzte machen nur etwa 15% der Gesamtausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung und in Euronen ca. 24 Mrd. aus.
Sie setzten sich bisher aus verschiedenen Komponenten zusammen.
So wurden gewisse Leistungen innerhalb des Praxisbudgets – zu einem ebenso gewissen, niedrigen Punktwert vergütet, andere, bei denen gemäß EBM und mit dem gleichen niedrigen Punktwert kein kostendeckendes Arbeiten mehr möglich ist (wie bei dem ambulanten Operationen, bei denen im Vergleich zum Austellen eines Schnupfenrezeptes ein immenser apparativer und personeller Aufwand erforderlich ist) werden außerbudgetär im Rahmen spezieller (Struktur-)verträge vergütet. Diese Vertäge werden allerdings von den Kassen (bzw. Kassenverbänden) in unterschiedlicher Art und Weise für speziell dafür qualifizierten Ärzten bzw, Zentren abgeschlossen (wobei dei KV prüft, wer qualifiziert ist und wer nicht) und immer wieder mal eben abrupt
gekündigtnicht verlängert (never ending Story, ich habe das jetzt zum ich-weiß-nich-wievielten-mal erlebt).Wenn so etwas der Fall ist, dann kann es zu den von Dir, Stefanolix, beschriebenen Nebenwirkungen kommen – nämlich dass eine Praxis den bei der betreffenden Kasse versicherten Patienten leider sagen muss, dass sie sie nicht mehr behandeln können. (Wenden sich diese Patienten dann an ihre Kasse, bekommen sie nicht selten zu hören: „Der Arzt muss sie behandeln, wir bezahlen das schließlich.“ Dass das, was sie zahlen in vielen Fällen nicht einmal die Unkosten die der Arzt hat deckt, sagen sie nicht (da wären sie ja auch schön blöd) und da wir hierzulande was die Gesundheitsversorgung angeht durchaus so etwas wie eine Vollkasko-Mentalität haben, kommt auch keiner auf die Idee, sich mal zu überlegen, dass der Mädia-markt ihm auch keinen Flachbildschirmfärnsäher für zwanzig Cent vertickt, nur weil er ja schließlich irgendetwas bezahlt.
Ausgenommen davon sind selbstverständlich Notfälle, da muss der Arzt tätig werden, egal ob er dafür bezahlt wird oder nicht.
Das ist aber nur ein verschwindend geringer Teil der Wahrheit von dem, was in Sachen Gesundheitssystem passierte und passiert.
Fortsetzung folgt, wenn gewünscht.
Und nur mal so…
…. wie demnächst aus Punkten Euronen gemacht werden sollen ist ein nicht minder interessantes Thema.
Unter anderem…
;-)
Okay, fahren wir fort mit der Sendung mit der EBM-Maus.
Heute zur Frage: Warum schreien die Ärzte eigentlich andauernd, dass sie mehr Geld wollen, wo man für sie doch schon so viele schöne Reformen erlassen hat?
Fangen wir einmal mit der Frage an, wie werden die Kassenärzte (= Vertragsärzte – und nur um die geht es hier) eigentlich vergütet?
Grundlage der vertagsärztlichen Vergütung ist hierzulande der sogenannte Einheitliche Bewertungsmaßstab, kurz EBM, dessen Ausgestaltung im SGB V § 87 Abs. 2 festgelegt wird.
Und da lautet es folgendermaßen:
Da ist er dann also auch schon, der erste potenzielle Pferdefuß der Angelegenheit: „in Punkten“, gefolgt von dem zweiten, dem möglichst festgelegten Zeitaufwand (dazu vielleicht später einmal mehr, kann sich aber eigentlich jeder ausmalen, was das bedeutet).
Zu den Punkten. Wofür die eigentlich im EBM festgelegt werden, sagt uns wieder das Gesetz (immer noch SGB V § 87 Abs. 2 – ja der ist relativ lang), nämlich:
(Dass der EBM bis heute nicht alle zu erbringenden vertragsärztlichen Leistungen abbildet, auf der anderen Seite noch Leistungen enthält, die nach evidenzbasierten Kriterien nicht mehr so richtig vollkommen, ähmn haltbar sind, sei hier nur am Rande erwähnt, das tut erstmal nix zur Sache......außer für die Kollegen, die dann gezwungen sind, für Umme irgendwelche Behandlungen und so, aber macht nüscht. Wie gesagt, nur mal am Rande.)
Was hat man also gemacht, als man den letzten EBM strickte?
Man hat, damit die in diesem Werk abgebildeten ärztlichen Leistungen angemessen vergütet werden einen Punktwert von 5,11 Cent zu Grunde gelegt.
(Wie man ausgerechnet auf diesen krummen Wert gekommen ist, und ob man zuerst den Punktwert und dann das Punktvolumen je Leistung, oder erst das Punktvolumen je Leistung und dann den Punktwert festgelegt hat, weiß ich nicht, ich vermute mal ersteres, aber auch das tut hier eigentlich nix zur Sache.)Soweit, so gut.
Man hat sich also ausgerechnet, dass eine Vergütung von 5,11 Cent pro Punkt angemessen wäre.
In der Realität heißt das aber noch lange nicht, dass der Arzt nun auch 5,11 Cent pro erbrachten Leistungspunkt erhält. OH NEIN!
Kurz nachdem der m EBM 2008 das Licht der Welt erblickte, war bereits klar, dass das mit den 5,11 Cent wohl ein Ammenmärchen sein würde. Soviel Geld war (angeblich?) gar nicht da.
Da man als niedergelassener Arzt aber erstmal arbeitsmäßig in Vorleistung gehen muss, d.h. du arbeitetes erstmal drei Monate, dann erfährst du im Nachhinein, wieviel deine erarbeiteten Punkte nun wirklich wert waren, war die Situation vielleicht nicht allen sofort in aller Härte klar.
(Man hat als Arzt übrigens, anders als die Vertreter vieler anderer Gruppen im Gesundheitssystem, ja auch irgendwie noch etwas anderes zu tun, als Punkte zu zählen und jede neue Reform sofort bis ins Kleinste zu durchkämmen. Was war das doch gleich noch mal? Ach ja, da sitzen lauter so Menschen im Wartezimmer...Die Häme, die sich diesbezüglich immer wieder über die Ärzte ergießt, finde ich daher relativ überflüssig und zum Gähnen, gerade wenn sie von Menschen kommt, die für nichts anderes bezahlt werden, als sich mit den schönen neuen Reformen und ihren Auswirkungen zu beschäftigen und zwar nicht schlecht.)
Wieviel nun jeder einzelne Arzt bekommt, dafür spielen Verteilungskämpfe innerhalb der Fachgruppen in der KV auch noch einmal eine Rolle. Das wird immer gern in der Öffentlichkeit medienwirksam ins Feld geführt („Geld ist ja genug da, die Ärzte sind bloß zu blöd es zu verteilen, harharharhar…“) um davon abzulenken, dass auch wenn man den Durchschnitt über alle Ärzte nimmt, nie ein Punktwert von 5,11 Cent zustande kommt, die Ärzte auf gut Deutsch also
um ihr EBM-gemäß angedachtes Einkommen beschissen werdenihre Arbeit zum Wohle der Menschen eben für weniger, teilweise eben nicht mehr kostendeckende, Kohle ableisten müssen.Nun könnte man meinen, okay, wenn die Kohle nicht stimmt, warum arbeiten die Deppen dann überhaupt noch dafür?
Zum einen weiß man als Vertragsarzt ja nicht, wieviel man letztlich erwirtschaftet, weil die Punktwerte ja im Nachhinein berechnet werden (man kann es sich allerdings denken, dass es auf keinen Fall die magische Grenze von 5,11 Cent pro Punkt erreicht), zum anderen hat die kassenärztliche Vereinigung einen Sicherstellungsauftrag und zwar für die ärztliche Versorgung der Menschen hierzulande.
Im Klartext heißt das, dass du als Vertragsarzt z.B. verpflichtet bist Notdienst zu schieben, ob du willst oder nicht.
(Hat da eben jemand "Zwangsarbeit" gerufen? Jaaaa, naja, also so weit.........ja doch, irgendwie schon, wa?)
Soweit so schlecht. Und wie kommt es nun dazu, dass viele Ärzte am Ende des Quartals die Patienten für Gottes Lohn behandeln?
Schauen wir ins Gesetz (ja, immer noch SGB V § 87 Abs. 2….;-) ), da steht:
Da ist es, das Regelleistungsvolumen. Früher wurde hier das individuelle Praxisbudget als Instrument eingesetzt, beides läuft aber scheinbar auf’s Gleiche hinaus.
Im Klartext: Wenn du mehr Patienten in einem Quartal behandelst, als für Deine Praxis festgelegt, dann bekommst du für diese Patienten kein zusätzliches Geld.
Könnte man denken, okay, behandel ich eben keine weiteren Patienten wenn ich im Quartal schon genug behandelt habe. Könnte man denken, sollte man sich aber gewaltig vorsehen, denn
1. kann dir der Staatsanwalt uffen Kopp kommen, denn du bist verpflichtet Notfälle zu behandeln auch wenn du dafür nicht vergütet wirst und was ein Notfall ist, das wird im Falle eines Prozesses nicht von dir selbst festgelegt.
2. in die Berechnung des Regelleistungsvolumen wird/wurde die von dir bislang pro Quartal behandelte Patientenanzahl mit einberechnet. Wenn du also in der Vergangenheit deine Praxis dicht gemacht hast, wenn du dein Praxisbudget abgearbeteite hattest
(was in der Stadt geht, weil es an der nächsten Ecke einen weiteren Arzt gibt, was aber in ländlichen Gegenden ungleich schwieriger ist), dann bist du jetzt auch gut Deutsch angeschissen. Nun ja, so isse Läbbe.Fassen wir zusammen:
– Bisher wurde – gemäß EBM – der Arzt in Punkten, die einen bestimmten, nächträglich zu bestimmenden Wert haben, entlohnt und zwar Monate nachdem er die Leistung erbracht hat.
– Der Punktwert war ursprünglich mit 5,11 Cent als kostendeckend angedacht, er liegt aber regelmäßig darunter
(für den Notdienst, auch nachts an den Wochenenden und feiertags, gern auch mal um den Dreh von 1,9 Cent - wohlgemerkt für die erbrachte Leistung, nicht etwa für Anwesenheit im Sinne von rumsitzen und Kaffee schlürfen - das ist, soweit es die Zeit überhaupt erlaubt, reines Privatvergnügen).– Jede Praxis hat ein Regelleistungsvolumen, das heißt, wenn man eine bestimmte Anzahl von Patienten behandelt hat, bekommt man für alle, die man danach noch behandelt keine Kohle mehr.
Und schauen wir doch mal, was für tolle Neuerungen geplant sind:
Zum einen will man endlich die lästigen Punkte abschaffen. Klingt doch eigentlich ganz gut, oder? Ärzte sollen dann nicht mehr in Punkten, deren Wert floaten kann, entlohnt werden, sondern in festen, ehrlichen Euronen.
Wäre eigentlich zu schön um wahr zu sein. Und wie sich der geneigte Leser vielleicht schon denken kann:
Die Sache hat einen Haken.
Und der ist zum Glück diesmal schnell erklärt.
Für die Berechnung der Euronenbeträge für jede Leistung hat man wohl vor, die Anzahl der im bisherigen EBM ausgewiesenen Punkte zu Grunde zu legen.
Okay, auch noch nicht weiter schlimm.
Merkwürdig ist allerdings der Umrechnungsfaktor, den man anwenden will, nämlich 3,5 Cent pro Punkt.
Okay, könnte man jetzt sagen, ist immer noch mehr als 1,9 Cent. Das stimmt schon, aber wir erinnern uns – was war einmal Berechnungsgrundlage für eine ausreichende Vergütung?
Genau, 5,11 Cent.
Und 3,5 ist ja wohl eindeutig weniger als 5,11, wa? Kostendeckung also auch weiterhin ade!
Hm, alle noch da? Jemand in der Zwischenzeit eingeschlafen? Kann ich gut verstehen, das Ganze (und das was ich da eben versucht habe zu beschreiben ist ein klitzekleiner Teil davon) ist kompliziert. So kompliziert, dass nicht nur kaum mehr einer durchsteigen will, es kann auch keiner mehr so richtig durchsteigen
(ich auch nicht, deshalb ist das hier auch nur der Teil, den ich verstanden habe und dieser erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und letztliche Richtigkeit, die es - so ahne ich zumindest - vielleicht auch gar nicht gibt, denn das System ist, wie man so schön sagt, im Fluss...weder der Arzt noch der Patient und die sollen das auch gar nicht, denn wir rasen gerade mit Karacho in Richtung Staatsmedizin, die allerdings nicht das Wohl der Bürger, sondern vielleicht eher die Frage: „Wie wandert deine Kohle in meine Tasche?“ bewegt. Wobei die Tasche, so hat es zumindest verdammt den Anschein, die bestimmter Großkonzerne ist. Aber wie gesagt, sieht irgendwie nur so aus, ist bestimmt gaaanz gaaanz anders…...man könnte auch sagen, es geht den Bach runter....)
Soviel erstmal für heute, ist eh schon viel zu viel, wenn noch jemand Lust auf eine Fortsetzung hat, dann könnte ich noch etwas dazu erzählen, wie die Facharztpraxen platt gemacht und die ambulante fachärztliche Versorgung an die Kliniken verlegt werden soll. Die Schritte hierfür sind schon eingeleitet.
Nur soviel vorab – es gibt in unserem Land Gesetze, aber man sollte nicht meinen, dass unsere Politik sich an diese Gesetze hält. Muss die nicht. Das haben wir ja schon an anderer Stelle eindrücklich demonstriert bekommen.
Ach ja, und da wären ja auch noch die finanziellen Auswirkungen für jeden Einzelnen von uns, die uns die Gesundheitsreform beschert hat.
Viele Baustellen eben.
Aber erstmal: Schönen Sonntag allerseits!
;-)
Ich bin auch geplättet (nachdem ich in den letzten Tagen wieder mal mehr Zeit auf der Eisenbahn als im Bett verbracht habe — weniger von Deiner Erklärung). Ich bin so geplättet, dass ich mich in den nächsten Monaten gewiss zu keinem Arzt trauen werde, denn ich mache ihn ja ganz sicher durch mein Erscheinen nicht glücklicher;-)
Dein Text ist mir außerdem eine Motivation für gesunde Ernährung und viel Bewegung an frischer Luft ;-)
Nein, im Ernst, ich drucke mir sonst sehr selten Texte aus, aber diesen werde ich morgen auf die nächste Dienstreise mitnehmen. Das ist wirklich sehr schwer verdaulich und ich wundere mich nur, warum die Ärzte keine wirklich funktionierende Interessenvertretung auf die Beine gestellt haben. Wenn man irgendwo einem Beamten eine Veränderung der Lichtverhältnisse beim Büroschlaf zumutet, steht doch auch sofort der Beamtenbund auf der Matte.
Es ist auch bezeichnend, wie die Gesundheitspolitik zum Spielball der Tagespolitik wird: nichts wird zu Ende gedacht, nichts bleibt stabil und nichts ist verlässlich.
Zwar bin ich in der DDR-Zeit noch nicht so tief in die Zusammenhänge des Gesundheitswesens eingestiegen, aber Deine letzten Abschnitte scheinen mir darauf hinzudeuten, dass es wieder in diese Richtung gehen könnte: Polikliniken mit langen Wartezeiten, dicker Filz und Rationierung allerorten. Im Bestseller »Der Turm« lässt der Autor so einiges anklingen. Na dann: Gesundheit …
Ach Stefanolix, geh ruhig zum Arzt, wenn Du krank bist. Der Arzt ist sicher froh, mal jemanden gegenüber sitzen zu haben, der seine Situation ein wenig kennt. ;-)
(((Aber nur nochmal so: meine Ausführungen sind das, was ich bis jetzt aus den Zeichen gelesen habe, ohne Anspruch auf irgendeine Art von Vollkommenheit. – Dit war jezz sowat wie’n Disklähmer ;-) )))
Stefanolix, grundsätzlich denkst Du genau in die gleiche Richtung, wie ich es auch tue. Polikliniken, lange Wartezeiten, jedes Mal ein anderer angestellter Jungarzt, weite Wege, denn von wohnortnaher Versorgung keine Rede, die Omma vom Dorf mit Herzinsuffizienz und Arthrose kann zusehen wie sie die 50 Kilometer zum nächsten Arzt schafft – oder sie wartet auf Schwester Agnes
(auch so ein Thema! Es gibt Krankenschwestern und Pfleger, von denen würde ich mich am offenen Herzen operieren lassen - von ihr hier zum Beispiel. Es gibt aber auch viele viele andere, von denen würde ich mir nicht mal die Nägel schneiden lassen. Oder etwas anders ausgedrückt: ganz grundsätzlich gibt die Ausbildung einfach nicht her, dass hier ärztliche Tätigkeiten mal eben so eifach delegiert werden können - schon ganz simpel rechtlich gesehen. Momentan jedenfalls noch.).Wird auch schon gut drauf hingearbeitet, auf die Polikliniken mit all ihren Nebenwirkungen und das Instrument zum Unterhöhlen und später Plattmachen der kassenärztlichen Facharztversorgung ist
der § 116b SGB V – ambulante Behandlung im Krankenhaus.
Ein Paragraph der bei bestimmungsgemäßem Gebrauch eigentlich gar nicht so viel platt macht, denn er regelt ziemlich scharf welche Diagnosen dafür überhaupt infrage kommen. Ferner sind auch die Voraussetzungen, die eines solche Einrichtung nach § 116b erfüllen muss, streng geregelt.
Aber wer hält sich denn hierzulande schon an Regeln oder Gesetze?
Nach meinem Kenntnisstand liegen auch schon Bewerbungen von Kliniken für die Zulassung für die ambulante Behandlung nach § 116 b vor, die eben diese Voraussetzungen aber auch so gar nicht erfüllen und dreimal darfst Du raten: Wer sitzt in dieser Klinikgruppe im Aufsichtsrat?
Genau! Der Tüpp mit dem Propeller unterm Kinn, der unsere Ullala berät und der behauptet, er hätte mal Medizin studiert…
…was eigentlich…
… nun ja, neulich, als er wieder mal mächtig über die bösen bösen Ärzte schimpfte, die den armen armen Menschen immer ganz viel Aufputschmittel verschreiben damit die sich am Arbeitsplatz ordentlich dopen können (seit wann gibbet denn Koks uff Kassenrezept? Hab ick da wieda wat vasäumt?), da ist ihm so ein ganz blöder, wirklich ganz blöder Stammtischfehler unterlaufen. Da hat der doch glatt die Psychotherapeuten mit den Psychiatern verwechselt, wa?
Ick mein, dit kann ja ma passiern, wa? So Karl Napp vonne Straße, dem kann das passieren – aber bitte schön nicht Karl dem Großen, der Medizin studiert zu haben meint und dem zu weiten Teilen die Gesundheitspolitik und damit die Gesundheit der ganzen Republik anvertraut ist.
Aber zurück zum 166 b.
Momentan werden die Kliniken für ihre ambulanten Bemühungen noch separat vergütet. Demnäääächst, soll allerdings – also man munkelt, wa – das (Gesamt-)Budget der Kassenärzte um das der ambulanten Versorgung im Krankenhaus „bereinigt“ werden.
„Kooperative Konkurrenz“ heißt das im ministerialen Sprech, also kooperative Konkurenz zwischen (gegen? mit? holla?) Kassenarzt und ambulanter Klinikversorgung.
Ja, jajaja
*fingerfuchtel*
genau so habe ich auch gekuckt, so: Hä *koppkratz* wat solln dit sein, „kooperative Konkurrenz“. Na ja.
Aber was mit der „Bereinigung“ des Budgets, das wissen wir schon:
Damals, als die Psychotherapeuten plötzlich aus dem Budget der Fachärzte „mit bezahlt“ wurden. Selbstverständlich ohne diese Budget vorher entsprechens aufzustocken. Ergab dann bis zu 30%ige Honorareinbrüche bei den Kollegen.
Aber was macht der Arzt, wenn ihm die Kohle weggenommen wird?
Auf die Barrikaden gehen?
Eher weniger, denn er ist ja eben nicht Beamter (der darf ja auch nicht allzu laut schreien) oder Angestellter sondern abhängig beschäftiger Selbstständiger.
Abhängig von dem, was für ihn als Honorar festgelegt wird und selbstständig, was die Investitionen in die Praxis, die Miete für die Praxis, die Entlohnung der Mitarbeiter und Berufshaftpflicht angeht und vor allem ist er meist eines primär: ARZT.
Und Ärzte sind es gewohnt unter schlechten Bedingungen die Menschheit zu retten, oder was sagte vor einiger Zeit mal ein fränkischer Landarztkollege zu mir:
„Und wenn die weiter das Honorar kürzen, dann fahre ich eben mit dem Blutdruckmessgerät und dem Urinstix auf einem Fahrrad zu meinen Patienten.“ Dabei strahlte er mich ganz heroisch und in vollkommener Verkennung der Tatsache an, dass er damit nicht nur keine evidenzbasierte Medizin an die Patienten bringt, sondern ihm auch die Butze geschlossen wird, weil er die immer höher werdenen Qualitätsanforderungen, die an einen Kassenarzt resp. seinen Praxis gestellt werden, nicht mehr erfüllen kann.
Soviel dazu.
Ein weiterer Kracher, den uns die Gesundheitsreform mit ihrem Gesundheitsfond beschert hat, ist das System, nach dem nun die Kassenbeiträge erhoben werden. Wennde willst, sarick dazu ooch mal irjendwann wat. ;-)
Gute Nacht erstmal.
Ick jehe jetz ersma meene Zahnschmerzen wegpoofn.
Pepa, aus Deinen Beiträgen habe ich gelernt, dass der Arzt seine Situation wohl selbst am wenigsten kennt ;-)
Ich hatte ein wenig gehofft, dass ich hier etwas darüber erfahre, wie man als Patient sinnvoll durch dieses System kommt, aber ich merke schon, dass daraus einfach nichts werden kann. Wie Arzt und Patient noch miteinander gut auskommen sollen oder wie ein guter Arzt honoriert werden soll, scheint mir in diesem System jedenfalls sehr schleierhaft. Man müsste mal die Frau Schmidt richtig in die Zange nehmen können mit der Frage: »Wie wird die Leistung eines guten Arztes belohnt«?
Erst mal wünsche ich Dir einen gesunden Schlaf und morgen melde ich mich noch mal, wenn ich etwas mehr davon verstanden habe. Ich weiß gerade überhaupt nicht, in welcher politischen Konstellation das jemals wieder besser werden könnte. Mit dem Lauteren Bächlein, der Frau Quarkwickel-Schmidt und der Dame von der Leyenspielschar jedenfalls ganz gewiss nicht.
Das System mit den Kassenbeiträgen glaube ich schon verstanden zu haben. Lass mich mal versuchen, mein gesundes Halbwissen aufzuschreiben und Du kannst mich ja dann pieksen, wenn ich etwas falsch verstanden habe.
Morgen früh um 5 ist jedenfalls hier die Nacht zu Ende, bis dahin wird das nix mehr …
PS: Wenn also jetzt Fachärzte auf die Straße gehen und sagen, dass sie für die Versorgung eines Patienten nur 21 Euro pro Quartal bekommen [die Zahl ist aus der Presse so hängengeblieben], dann muss ich das ungefähr so verstehen: die 21 Euro sind die einzige halbwegs sichere Vergütung, alles andere ist vage irgendwo im Ungewissen. Und ein ähnlich »sicherer Teil« der Vergütung war früher etwas höher.