Der Wahnsinn geht weiter


„Du, die wollen mir jetzt Marcumar geben!“, begrüßt mich meine Mutter heute in der Klinik.
Auf meine Frage, ob sie denn vorher ein EKG geschrieben hätten, schüttelt sie energisch den Kopf. Es wäre eine ganz junge, nette Ärztin gekommen und hätte ihr gesagt, sie müsse das einnehmen. Und als sie, meine Mutter, gesagt hätte, dass sie das aber nicht wolle, hätte die ihr einfach nur gesagt, das wäre aber ganz wichtig und das müsste so sein. Naja, entschieden würde das dann morgen, sie solle schon mal die Einwilligung dafür ausfüllen.

Nun, sollte eine neue medizinische Erkenntnis an mir vorübergegangen sein – ich bin ja schließlich kein Kardiologe – Asche auf mein Haupt, aber nach Stand meiner Kenntnis (entsprechend Veröffentlichung vom Februar diesen Jahres...) führt man eine orale Antikoagulation (nach Ausschluss aller Kontraindikationen und da fallen mir bei meiner Mutter spontan gleich zwei, zumindest relative ein) bei absoluter Arrhythmie mit Vorhofflimmern durch(nämlich um zu vermeiden, dass sich in dem unkoordiniert zuckelnden kardialen Vorhof ein Blutgerinnsel bildet, das dann mit dem Blutstrom abgeschossen eine prima Schlaganfall zaubern könnte), nicht aber, wenn das Herz wieder brav im Sinusrhythmus schlägt, zumindest nicht generell.

Dass das Herz meiner Mutter wieder brav im Takt ist, konnte die schlaue Frau Doktor ja aber auch gar nicht wissen, hatte sie doch lediglich die Rettungsstellen-Befunde vor der Nase!
Ich meine, man könnte ja mal einfach die Fingerchen an die Radialis halten, bevor man eine alte, kranke Frau in Angst und Schrecken versetzt, gelle?
Auch dieser komische Schlauch mit dem Metallpinöppel mit dieser Backoblate unten dran und diesen beiden Ohrstöpeln auf der anderen Seite, den man wichtig wichtig um den Hals gelegt trägt, also, der ist nicht etwa ein Insignium der Macht, nee! Das ist ein diagnostisches Instrument, mit dem man auch ganz schnell herausfinden kann, ob ein Herz im Takt oder außerhalb des selben ist. (Im vorliegenden Fall war das eine wahre Luxusausführung, boah ey! Ich bin ganz infragelb geworden, vor Neid. Aber was nutzt ein Rolls Royce, wenn man keinen Führerschein hat?)
Im Grunde braucht man nicht mal das, man kann auch das Ohr auf den Thorax des Patienten legen, aber das sage ich lieber nicht laut, sonst hört es die Frau Schmidt am Ende noch.

Ich frage mich die ganze Zeit über schon, ob wir damals als kleene Assistenzärzte auch von so exquisiter Dämlichkeit waren. Vermutlich schon, nur haben wir es nicht mit stolzgeschwellter Brust zur Schau gestellt.
Und wir hatten noch genügend Oberärzte und Altassistenten, die uns im Zweifel das Händchen geführt, wahlweise auf die Finger gekloppt haben, je nachdem ob wir erst gefragt, oder gleich gewurschtelt haben. Die gibt es heute fast nicht mehr, die erfahrenen alten Kollegen, die sind den dafür Verantwortlichen nämlich zu teuer im Unterhalt.

Und so habe ich dann heute überlegt, was ich wohl machen würde, wenn ich da als Patientin liegen würde und ganz ehrlich, lange überlegen musste ich nicht….


4 Kommentare zu “Der Wahnsinn geht weiter”

  1. Ja, und der Korpsgeist hält einem davon ab dort mal so richtig Stunk zu machen. Denn ob dumm oder nicht, Kollegen scheißt man nicht an.

  2. Nix Korpsgeist – habe mich bei eben jenem Chef der Truppe schon beschwert, nur: Das bringt so überhaupt nix. Das war dann eben alles gar nicht so gemeint und die demente alte Dame und so.
    Und für richtigen Rabatz an anderer Stelle reicht das, was da abläuft eben noch lange nicht aus. (Und sie, die Kollegiode, ins Messer laufen zu lassen, hieße meine Mutter u.U. gleich mit übern Jordan zu schicken. Sorry, aber das Opfer ist mir dann doch eine Nummer zu groß.)

  3. Aha, der Chef der Truppe legitimiert die Inkompetenz seines Teams mit der Demenz Deiner Mutter? Wenn es nicht so traurig wäre, wäre das der Lacher des Tages …

    Au man, da kann man nicht ruhig schlafen, wenn man weiß, sie liegt über Nacht dort. In Sorge dessen, was die noch anstellen.

  4. „Der Quatsch wird immer quätscher“, sagt meine Mutter immer.
    Nun, es ist ein hin und her.
    Nachdem ich heute Kontakt mit der sehr kompetenten Oberarztetage (die Damen und Herren waren schon im Mai diesen Jahres einfach ganz Klasse, wirklich, jetzt ohne Mist) aufgenommen hatte, ruft mich gegen mittag dat Statsjionsdoc an, um mir erklären zu wollen, warum meine Mutter denn so straff antikoaguliert werden müsse. Da war die Nummer längst vom Tisch. Hat mich dennoch einiges an Zeit und Nerven gekostet. Erst als ich die entsprechenden Studien verlangt habe erbeten habe einsehen zu dürfen, in denen bewiesen wird, dass die Schlaganfallrate bei (vermutlich) einmaliger, nach akuter Elektrolytverschiebung aufgetretener TAA über weniger als 12 Stunden unter Marcumartherapie signifikant sinkt.
    ….ähm ja, Schweigen im Walde.
    ;-)
    Und meine Mutter schaut mich jetzt ängstlich an und fragt, ob sie denn nun einen Schlaganfall bekommen wird. OH MANN!
    Habe erstmal ein Langzeit-EKG beim Hausarzt erbeten. Die Praxis spielt auch mit (was durchaus keine Selbstverständlichkeit ist). Da schaun mer denn erstmal und dann sehn wa schon. (Wenn der Vorhof da intermittierend flimmern sollte, wovon ich nicht ausgehe, dann gebe ich ihr persönlich Marcumar – v o r h e r n i c h t !)